Der Baum brennt lichterloh!

Landwirtschaft, Artensterben und Flächenfraß, diese drei Themen hängen untrennbar miteinander zusammen. Der grüne Landtagskandidat Erwin Feucht hatte zu einem Online-Fachgespräch geladen, an dem auch über 35 Gäste am 3. Februar teilnahmen. Drei sehr kompetente Gesprächspartner diskutierten mit dem virtuellen Gastgeber:  

Dr. Matthias Wucherer, promovierter Biologe, Imker und Leiter des Netzwerks „Blühende Landschaften“, eines Projekts von Mellifera e.V. aus Rosenfeld.  

Martin Hahn, MdL (seit 2011) und bis dahin Demeter Landwirt aus dem Kreis Überlingen. Er ist der grüne Agrar-politische Sprecher der Fraktion von Bündnis 90 / Die Grünen.

Dr. Andre Baumann, Biologe, Bevollmächtigter des Landes beim Bundesrat in Berlin, zuvor Staatssekretär im Umweltministerium BW und Ex-NABU Landesvorsitzender. .

Zu Beginn stellte Dr. Matthias Wucherer die Arbeit des Netzwerks „Blühende Landschaften“ vor und ging dabei auf das aktuelle Projekt „Landwirtschaft 5.0“ ein. Hierbei geht es um die ganzheitliche Betrachtungsweise in der Landwirtschaft. Es gelte, nicht an einzelnen Symptomen des Insektensterben herumzuschrauben, sondern vielmehr müsste das große Ganze gesehen werden. 2017 erschreckte eine internationale Studie mit der Erkenntnis, dass wir in den letzten 30 Jahren 76% der Insektenmasse verloren haben. Dies führte vor allem in Bayern und Baden-Württemberg zu den bekannten „Rettet die Bienen“-Bewegungen. Der Kern des Projektes „Landwirtschaft 5.0“ ist die Einbindung der Landwirte*innen in den Kampf gegen den Klimawandel. Die wichtigsten Maßnahmen seien hierbei der Einsatz von Agro-Photovoltaik. Mit 5% der landwirtschaftlichen Flächen könne laut Wucherer der gesamte Strombedarf in Deutschland gedeckt werden (Speicherkapazität vorausgesetzt). Agro-Photovoltaik bedeutet die Nutzung von landwirtschaftlicher Fläche zur Erzeugung von Strom und als Weidefläche oder Agrarland. Die zweite Säule sei das Projekt „Terra preta“, eine Verwendung von Pflanzenkohle auf den Ackerflächen zur Bodenverbesserung und der Bindung von Kohlendioxid. 

Ein Pionier auf diesem Gebiet ist der Landwirt Manfred Kränzler aus Isingen, der sich seit Jahren mit dem Thema Humusaufbau beschäftigt. Hierbei wird nicht nur CO2 gespeichert sondern auch die Wasserspeicherkapazität erhöht und die natürliche Düngung verbessert. 

Weiterer wichtiger Baustein der zukünftigen Landwirtschaft seien die Blüh- und Gehölzstreifen.

Dr. Andre Baumann stimmte den Ausführungen seines Vorredners zu und machte noch einmal deutlich, was die grüne-schwarze Landesregierung im letzten Jahr auf den Weg gebracht habe. Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft solle bis 2030 um 40 bis 50 % reduziert werden, der Ökolandbau auf einen Anteil von 30 bis 40 % gesteigert werden und 15 % der Landesfläche sollten dem Biotopverbund dienen. Das sind „Zebrastreifen für die Natur“. Die Planung der Landesregierung hat das Ziel kleine und zunehmend isolierte Biotope miteinander zu verbinden, damit die verfügbare Fläche und das biologische Angebot großräumig zusammengeführt werden kann.

 „Wir haben Schottergärten verboten und die wertvollen Streuobstwiesen unter Schutz gestellt“. Baumann richtete dann noch ergänzend den Blick auf die Bedeutung und den Schutz unserer Moorflächen. In BW bestehen aktuell 45.000 Hektar aktiver Moorflächen, die als bedeutsame Kohlenstoffspeicher fungieren. Baumann und Ministerpräsiden Kretschmann planen als wichtigstes Projekt im Bereich Naturschutz in der kommenden Legislaturperiode ein landesweites Klimagespräch. Das wird „mit Sicherheit kein Kaffeekränzchen werden“, sondern sei angelehnt an den erfolgreichen Strategiedialog Automobilwirtschaft der letzten Jahre.

Martin Hahn argumentierte als Landwirt von der praktischen und handwerklichen Warte her. Sein wichtiger Apell geht an die Absatzmärkte. Wenn wir unsere Streuobstwiesen erhalten wollen, müssen wir auch den Ertrag der Obstbäume angemessen verkaufen können. Und sein weiterer Blick geht nach Brüssel: solange die EU eine falsche Agrarpolitik fördere, Fläche statt Qualität subventioniere, würden es die Länder Vorort schwer haben, einen sinnvollen und schnellen Wandel umzusetzen. 

Erwin Feucht hob hervor, dass es für ihn als möglichem Landtagsabgeordneten sehr wichtig sei, zukünftig in allen öffentlichen Kantinen und Mensen nur noch bio-regional und fair gehandelte Produkte einzusetzen.

Für den zweiten Teil der Diskussion hatte der NABU Zollernalb im Vorfeld seine Fragen eingebracht. Es geht um den Flächenverbrauch, die dauerhafte Versieglung von Grünland. Pro Tag werden in BW, 3,5 Hektar durch Bebauung Natur und Landwirtschaft entzogen. Das Ziel müsse eine Netto-Null sein, so Feucht als erfahrener und aktiver Kommunalpolitiker. Andre Baumann stellte ganz eindeutig klar, dass in dieser Frage mit dem jetzigen Koalitionspartner leider schwer zu verhandeln sei. Martin Hahn machte es am Beispiel der Vergaben von Gewebeflächen noch anschaulicher: Es müsse zukünftig systematisch und verbindlich eine Mehrfachnutzung der Flächen geben. 

Am Ende des spannenden Abends waren sich alle 4 aktiven Teilnehmer einig: Bei Artensterben und Klimawandel „brennt der Baum lichterloh“ und Corona habe keine Atempause mit sich gebracht.

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